Lehrreiche Stunden mit Heike Kemmer

Ein spannendes PM-Seminar fand in der großen Reithalle des Dressurstalls Becker in Schwanewede statt. Die Veranstaltung erfuhr große Resonanz, denn mit Heike Kemmer hatte man eine hervorragende Referentin am Start. Die 55jährige Diplombetriebswirtin ist dem Dressurreiten schon seit ihrer Jugend verbunden. Im Jahr 1985 wurde sie das erste Mal in den A-Kader Dressur für Deutschland berufen. Ende der 90er Jahre folgte dann der endgültige Aufstieg in die Weltspitze des Dressursports. Neben Einzelmedaillen bei Deutschen Meisterschaften und Mannschaftsmedaillen bei Europameisterschaften zählen die Olympischen Spielen 2004 und 2008 zu Heike Kemmers größten Erfolgen. Nach olympischem Gold mit der Mannschaft 2004 in Athen und 2008 in Hong Kong erritt sich Heike Kemmer 2008 mit ihrem Pferd „Bonaparte“ den Bronzerang und somit ihre erste olympische Einzelmedaille.

Im Focus des Seminars am vergangenen Sonntag stand das Erarbeiten von Traversalen, fliegenden Wechseln und Pirouetten. Dabei ging Heike Kemmer vor allem auf den Sitz und die Einwirkung des Reiters ein. Als Probanden waren vier renommierte Pferdesportler mit von der Partie. Den Anfang machte Dressurausbilder David Taylor, der vor den Toren Bremens seit Ende vergangenen Jahres eine eigene Reitanlage – das Windstein Equestrian Excellence Center – betreibt. Die moderne Reitanlage wurde erst 2008 erbaute und in 2017 erweitert. David Taylor stellte zunächst MDM Zodiac OLD (von Zonic/Donnerschwee/Goldstern) vor. Der vierjährige Hengst ist Oldenburger Landeschampion 2017 und Finalist der DKB Bundeschampionate. Der imposante Rappe beeindruckte nicht nur das Publikum, sondern auch Heike Kemmer, die voll des Lobes von der Vorstellung des Ausnahmehengstes war. Sie freute sich, dass David Taylor das Pferd altersgerecht präsentierte und lobte, dass sich Pferd und Reiter auf dem richtigen Weg befänden. Als zweites Reiter-Pferd-Paar kamen Anna-Lena Jerzembeck und die zwölfjährige Stute Ria Donna in die Bahn. Anna-Lena hat ihre Bereiter-Ausbildung bei Sandra Auffahrt absolviert, kommt also ursprünglich aus dem Vielseitigkeitslager. Mit der Stute hat sie bereits M gewonnen und ist in der Klasse S am Start. Mit den Worten „Du bist jetzt hier mein erstes Opfer“ nutzte Heike Kemmer die Gelegenheit, die Arbeit mit sogenannten Franklin-Bällen® zu veranschaulichen. „Du bekommst einen Ball unter den Hintern wie die Prinzessin auf der Erbse“, schmunzelte sie und ließ die Reiterin auf einem der Bälle im Sattel Platz nehmen. Später musste sich Anna-Lena noch jeweils einen Ball unter die Arme klemmen und einen weiteren unter einen ihrer Oberschenkel. Die Bälle sollen das Bewegungsgefühl der Reiter verbessern. Dass es sehr ungewohnt sein muss, mit so vielen Bällen zu reiten, konnten die Zuschauer erahnen und die meisten hätten sicherlich nicht mit Anna-Lena tauschen wollen. Als der Reiterin die Bälle zum Ende hin wieder abgenommen wurden, bestätigte sie, dass der erwünschte Effekt auch bei ihr eingetreten ist: „ich sitze jetzt näher am Pferd“.

Heike Kemmer machte während der Trainingseinheit immer wieder deutlich, wie wichtig die Aktivierung der Hinterhand ist. „Fordere sie auf, dass sie hinten Frequenz bekommt“, empfahl sie ihrer Schülerin. Die Ausbilderin betonte, dass es von grundlegender Bedeutung sei, mit dem inneren Schenkel an die äußere Hand herangeritten wird, damit das Pferd nicht über die äußere Schulter weg drängt. Ein Phänomen, was unter Reitern weit verbreitet ist.

Heike Kemmer ließ Anna-Lena und Ria Donna viel Schulter vor reiten und baute viele Übergänge ein. Auch wenn Reiterin und Pferd schon von Beginn an einen guten Eindruck hinterließen, konnte man doch nach den Übungen eine Verbesserung von Ausdruck und Aufrichtung erkennen. Die Pause wurde den zahlreich erschienenen Zuschauern, von denen der eine oder andere sichtlich mit den niedrigen Temperaturen zu kämpfen hatte, mit vielerlei Leckereien inklusive Heißgetränken versüßt.

Nach der Pause ritt Kadermitglied Kim Brüning mit ihrem Wallach Feivel`s World ein. Die beiden bilden ein erfolgsgewöhntes Team. So sicherten sie sich unter anderem den Landesmeistertitel 2017 bei den Jungen Reitern. Zuletzt ging Kim Brüning mit ihrem lektionssicheren Braunen in Exloo/NL an den Start, wo sei in der FEI JR Einzelaufgabe mit 71,184% den 4. Platz belegten. Die Tipss der Weltklassereiterin stießen auch bei Kim Brüning auf fruchtbaren Boden, die die geforderten Aufgaben hervorragend umsetzte. Den krönenden Abschluss des Tages lieferte David Taylor mit dem neunjährigen Don Henry, der ebenfalls Finalist der DKB Bundeschampionate war und dessen Karriere Heike Kemmer bereits seit langem verfolgt. Der Fuchswallach befindet sich auf dem Weg zum Grand Prix und sorgte bei den Zuschauern für Begeisterung. Die vorgestellten Pferde befanden sich zwar alle auf einem anderen Ausbildungsstand, jedoch wurde klar, dass der Leitfaden, an dem sich die Reiter mit ihren Pferden orientieren sollten, immer die Skala der Ausbildung ist. Das Pferd als Partner sehen und mit ihm zusammen in Harmonie Erfolge erlangen – das ist das erklärte Ziel von Heike Kemmer. Denn richtig ausgeführt, gymnastizieren die Dressurlektionen das Pferd und helfen so bei dessen Gesunderhaltung.

Den schönen Rahmen der Veranstaltung nutzte nach der Begrüßung durch Verbandspräsident Walter Kind eine Delegation der Bremer Studentenreiter, um etwas Werbung zu machen. Obwohl die Gruppe erst seit Kurzem besteht, konnten die jungen Damen bereits beachtliche Erfolge im bundesweiten Vergleich verbuchen. Außerdem wurden die anwesenden Mitglieder des 8,0 Clubs noch einmal für ihre Leistungen geehrt und mit einem Präsent bedacht.

Alles in allem eine gelungene Veranstaltung in einem schönen Ambiente.

Julia Würzburg